Es sind die letzten Wochen in Ulan-Ude, bevor wir
am 02.10.05 mit dem Flugzeug nach Moskau und nach einem Tag Aufenthalt weiter
nach Frankfurt fliegen.
Es ist gewiss nicht das Ende unserer Reise und wir freuen uns riesig unsere
Verwandten und Freunde nach ziemlich genau acht Monaten mal wieder zu sehen.
Was macht man, wenn man nach monatelangem Nomadenleben wieder ortsfest
ist?
Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist es schon, aber mit dem Ziel den Winter am
Baikal zu verbringen und der Gewissheit, unser so liebgewonnenes Nomadenleben
im Frühjahr wieder aufnehmen zu werden, können wir unseren "festen
Wohnsitz" sogar genießen.
Auch haben wir nun einmal Zeit und Muße, unsere bisherigen Erlebnisse und
gefahrenen Kilometer noch einmal Revue passieren zu lassen. Es ist eine neue
Erfahrung und dadurch, daß wir nun nicht mehr täglich unterwegs sind und immer
wieder neue Eindrücke verarbeiten müssen, wird uns eigentlich erst jetzt so
richtig bewußt, was wir bereits alles erlebt haben. Somit hat so ein
Zwischenstop auch sein Gutes. Wir können das Erlebte in Ruhe verarbeiten und
haben den Eindruck, daß es uns somit besser in Erinnerung bleiben wird.
Wolfgangs Abschied
Am 12.09. feiern wir Wolfgangs und Clothildes Abschied in einem mongolischen
Restaurant und kommen so noch einmal in den Genuss unserer heißgeliebten
"Hushuur" und des salzigen Milchtees. Der Rest der Speisekarte ist
allerdings wenig mongolisch, aber das kennt man ja von den meisten
ausländischen Restaurants auch in Deutschland.
Wie es sich in Russland gehört, werden einige Runden Vodka jeweils mit einem
ausführlichen Trinkspruch eingeleitet und der Abend wird lustig. Wir werden
Wolfgang in Deutschland wieder besuchen, um die Aktualisierung seiner Webseite
zu besprechen.
Wolfgang schildert uns zudem von Transportproblemen und Schwierigkeiten beim
Zoll mit, in Deutschland bereit stehenden und hier dringend benötigten,
medizinischen Geräten. Da unser mongolischer Freund Ochir in Deutschland
Verkehrs- und Transportwesen studiert, fragen wir ihn, ob er eine Idee hat. Und
tatsächlich, am 25.09. erreicht uns eine sms, daß er den Transport der Geräte
für die DeSiGn übernehmen kann.
Die Tb-Kliniken in Ulan-Ude und Ilinka werden sich freuen - Danke Ochir!
Die restliche Zeit hier in Ulan-Ude verbringen wir eigentlich auch nicht viel
anders, als in Deutschland, nur ohne Arbeit ;-)
Auf Elianes Rat hin besorgen wir
uns die, hier typische Fußbekleidung für den Winter: "Walinkis" sind
Filzstiefel, die auch ohne Gummisohle auskommen und die man immer ein wenig
größer kaufen sollte, da sie einlaufen, statt sich "auszulatschen".
Sie sehen lustig aus, sind mit rund 300,- RUB recht günstig und wir freuen uns
auf deren Einsatz im Schnee!
Kulturabend
Bei einem Konzertbesuch mit Eliane lernen wir am 10.09. das kleine
"Art-Theater" und seinen engagierten Gründer Anatoli kennen. Das in
einem verwinkelten Kellergewölbe gelegene Theater wurde von ihm vor 25 Jahren
gegründet und hat trotz mangelnder Unterstützung seitens der Stadt bis heute
durchgehalten.
Die hier auftretenden
Schauspieler und Künstler arbeiten mit viel Enthusiasmus und meist ohne nennenswerte
Gage, denn die Einnahmen reichen gerade aus, um die laufenden Kosten zu decken.
Dies tut der Qualität der Darbietungen jedoch keinen Abbruch und mittlerweile
hat sich das kleine Theater in der Kunstszene der Stadt recht gut etabliert.
Die Wände sind von Künstlern bunt bemalt, die kleine Bar ist liebevoll und
gemütlich eingerichtet und wir fühlen uns ein wenig in die Freiburger
Studentenszene versetzt.
Die Bühne ist ebenfalls klein, wir sitzen auf eng gestellten Stuhlreihen und
genießen die Vorstellung von Dascha, Anatolis Tochter.
Die kleine, stimmgewaltige Sängerin lebt und arbeitet seit 4 Jahren in
Frankreich und singt selbst komponierte Lieder in Russisch, während sie sich
selbst am Flügel begleitet.
Es wird eine gelungene Vorstellung und ein gemütlicher Abend.
Ab Mitte September wird der bislang nur an den bunter werdenden Blättern zu
erkennende Herbst dann plötzlich richtig herbstlich und die Temperaturen
werden, zumindest nachts, langsam aber sicher so kühl, daß wir unser Zelt
eigentlich nicht mehr wirklich vermissen.
Am 16.09. machen wir nochmals
einen Ausflug nach Maximicha, "unser" Dorf für den Winter.
Zusammen mit Toma (Elianes Freundin) und Sanka (Elianes Hund) machen wir uns in
Elianes UAS "Mascha" auf den Weg durch die herbstliche Landschaft ins
knapp 220 km entfernte Dorf am Ostufer des Baikals.
Bald nachdem Ulan-Ude endet, beginnt der Anstieg zum Pass über die Berge,
nördlich der Stadt. Die Häuser werden schnell weniger und die bunten Bäume
immer mehr. Der Herbst hat in knapp drei Wochen den satt grünen Misch-Wald in
ein buntes Farbenmeer verwandelt. Die hellgelben Birken überwiegen zwar immer
noch, aber neben den Nadelbäumen tauchen auch immer wieder rot gefärbte
Laubbäume auf.
Schon vor der
Passhöhe dann die Überraschung - der erste Schnee ist auf den Bergen zu sehen!
Und als wir die heiligen Wunschbäume auf der Passhöhe erreichen, schneit es
nicht nur, es hat sich auch bereits eine dünne Schneeschicht auf den bunten
Wald gelegt. Herrlich, der sibirische Winter kommt!
Wir halten, opfern den obligatorischen Schluck Wodka für unsere Wünsche den
Göttern und sind fasziniert von dem Anblick. Alex wirft auch gleich den ersten
Schneeball des Jahres :-)
Dann holpern wir weiter durch den immer bunter werdenden Herbstwald.
Nach knapp 110 km halten wir an einem Stand an der neuen Straße und Tamara
spendiert eine Runde "piroschka" (Teigtaschen) und Fisch im Teig.
Gemütlich sitzen wir in Elianes "Mascha" und machen Mittagspause.
Weiter geht's über "Schmuseteer", der jedoch bald wieder von
Schlagloch-Wellblech-Schotterpiste abgelöst wird. Mascha macht einen heiden
Krach und rumpelt über die schlechten Straßen.
Die Ausblicke
auf die herbstliche Landschaft sind einfach herrlich und wir machen noch zwei,
drei Fotostops, ehe wir nach knapp sechs Stunden in "Max?micha"
einlaufen und vor Elianes zukünftigem Häuschen anhalten.
Vera, die jetzige Besitzerin, ist gerade unterwegs und wir vertreiben uns die
Zeit mit einem Spaziergang am Ufer des herbstlich unruhigen Baikals.
Als wir zurück kommen ist sie dann da und wir setzen uns zu ihr in die
Winterküche um bei Tee und Gebäck allles zu besprechen. Der Verkauf
ist sicher, Elianes Freundin wird Besitzerin und Eliane mietet das Haus. Morgen wollen sie nach "Ust-Bargusin" zum
Notar.
Auch von unserem geplanten Winteraufenthalt ist die Rede und es stellt sich
heraus, daß Vera bis zum 02.11. in ihr neues Haus einziehen wird. So können wir
dann den Winter in Elianes gemietetem Häuschen verbringen und schon mal mit dem Renovieren
beginnen - juchu!!
Die Nacht verbringen wir in
einem, jetzt leerstehendem Haus gegenüber, das einem Irkutsker gehört und von
dem Vera die Schlüssel hat. Dies wäre auch unser Heim, sollte das mit Elianes
Haus aus irgendwelchen Gründen nicht klappen (aber das klappt! hihi ).
Wir richten uns mit Veras Spenden von Holz und eingelegtem, rohen Fisch (Sick)
ein leckeres Abendessen.
Am nächsten Tag machen wir uns alle zusammen mit Mascha auf den Weg in das
knapp 30 km nördlich gelegene "Ust-Bargusin" und suchen den
Notar.
Während Eliane, Toma und Vera den Papierkram erledigen, machen wir mit Sanka
einen kleinen Spaziergang durchs Dorf.
Knapp 9000 Menschen leben hier. Leider wird man am Dorfeingang von einer
hässlichen und weit verteilten Mülldeponie begrüßt, was dem Dorf bereits
einiges an Charm nimmt.
Nachdem alle
Formalitäten angeleiert sind, gönnen wir uns an der Anlegestelle der Fähre, die
hinüber auf die heilige Nase (Naturschutzgebiet) fährt, eine leckere Portion Posi
( wie Pelm?ni, nur größer und im Dampf gegart ).
Satt holpern wir die Piste zurück nach Maximicha und sammeln unsere
sieben Sachen wieder ein. Vera geben wir 4000,- RUB für zwei LKW-Ladungen Holz,
die sie schon einmal für uns bestellen wird. Sie ist etwas überrascht über
unser Vorhaben und fragt Eliane, wie alt wir denn seien. Sie dachte, wir sind
vielleicht noch etwas zu "grün hinter den Ohren". Als sie unser Alter
erfährt ist sie erstaunt und aber auch etwas beruhigter - sie hat uns
wesentlich jünger eingeschätzt, :D
Wir machen uns wieder auf den Rückweg nach Ulan-Ude und nach ein paar
Fotostops - die Landschaft ist einfach zu schön zum Durchsausen- kommen wir am
frühen Abend an.
Nachdem wir am 20.09. auch endlich unsere warmen Jacken aus Ulan-Baatar
bekommen haben - Freunde einer Bekannten aus der mongol. Hauptstadt haben sie
uns mitgebracht -, zwei "North-Face" Mountain-Jacken für je knapp
28,- €, da kann man nix sagen, sind wir nun auch kleidungstechnisch fast
perfekt auf die Minusgrade in 'Maximicha' vorbereitet.
Der Winter kann kommen!
Irina, eine
Freundin von Eliane und ebenfalls Deutschlehrerin in Ulan-Ude, fragt uns, ob
wir am 22.09. Zeit und Lust für einen kurzen Besuch in einer Deutschklasse
hätten. Wir sollen den Schülern endlich einmal Gelegenheit geben
"echte" Deutsche zu sehen und ein wenig über unsere Reise erzählen.
Klar, machen wir doch gerne und der kleine Vortrag bringt uns auf den
Geschmack.
Wir versprechen, im Winter mit einer kleinen Bildervorführung wiederzukommen
und werden uns in Deutschland eine CD-ROM mit den besten Bildern unserer
bisherigen Reise zusammenstellen. Quasi ein Diavortrag "light" ;-)
Warum macht ihr das?
Eine Frage die uns immer wieder gestellt wird: "Warum macht ihr so etwas,
ein Winter am Baikal und was macht ihr dort in dem einsamen Dorf nur so
lange?"
Wenn das nur so einfach zu beantworten wäre...
Rationale Gründe gibt es wohl nur einen: wir wollen den Baikal mal im Winter
erleben und da wir nach unserer Reise sowieso kein Geld mehr haben werden,
nutzen wir die Gelegenheit lieber jetzt.
Kein Grund hier zu bleiben wäre:
- in Maximicha Kinder kriegen
(obwohl die langen, kalten Winterabende... aber das ist nix für hier ;-))
- endlich wieder Holz zu
hacken
- Sehnsucht nach Erfrierungen,
Bären und Wölfen
- uns zum draußen stehenden
Toilettenhäuschen bei -30 Grad durch meterhohen Schnee durchzuwühlen und
dann an empfindlichen Stellen Erfrierungen zu erleiden.
Wer schon einmal
am Baikal war, kann ein wenig "Gefühlsduselei" vielleicht verstehen:
der Baikal hat eine gewisse Ausstrahlung und wenn man ihn sieht, fühlt man
etwas - ja, wirklich! -, er hat eine Anziehung, der wir uns gerne hingeben.
Eigentlich ist sowieso Eliane schuld ;-)
- ihr gemietes Häuschen in Maximicha und ihre Winterbilder haben uns zum Träumen
gebracht.
Und diejenigen, denen diese Gründe noch immer nicht reichen, werden uns
vielleicht verstehen, wenn wir die ersten Bilder vom zugefrorenen Baikal und
der einzigartigen Winterlandschaft in unser Fotoalbum hochgeladen haben.
Besuch aus Bochum
In unserer vorletzten Woche in Ulan-Ude bekommen wir dann, am 22.09. Besuch. Nicola, eine
Radfahrerin aus Deutschland hat es geschafft und Ulan-Ude mit ihrem Drahtesel
erreicht. Respekt, sie ist die ganze Strecke alleine gefahren!
Es gibt viel zu erzählen und wir verstehen uns gut mit der symphatischen
Bochumerin. Wir werden uns bestimmt noch einmal wiedersehen im, bis dahin
verschneiten Sibirien, da auch sie am Baikal überwintern möchte.
Als wir eines Mittags in unserer kleinen Küche zusammen beim Kaffee sitzen,
bemerken wir auch bei ihr das "Ulan-Ude-Syndrom". ;-)
Auch Nicola hat, seitdem sie hier ist, Weihnachtslieder im Ohr. Kein Wunder,
die Bahnhofsdurchsagen trällern schließlich ständig die Anfangsmelodie von
"We wish you a merry Christmas" über die ganze Stadt.
Der Zoll - die vorerst letzte Hürde
Am 23.09. steht dann unser Besuch beim Zoll an.
Da in unseren Visa notiert ist, daß wir mit eigenen Fahrzeugen unterwegs sind,
befürchten wir -nicht unbegründet, wie sich herausstellt- Probleme bei der
Ausreise per Flugzeug und, da wir die Motos auch wieder in den neuen Visa
stehen haben werden, auch bei der Wiedereinreise im November. Wir benötigen
also vom Zoll ein Dokument, damit wir unsere Motorräder hier in Ulan-Ude stehen
lassen können.
Toma hat sich bereits gestern in einer zweistündigen Telefonaktion über einen
Bekannten beim Zoll informiert: eigentlich geht das nicht, wer mit einem
Motorrad einreist, muß auch damit ausreisen. Wir sind die ersten, die dies hier
in Burjatien vorhaben und dementsprechend kompliziert ist die Rechtslage.
Aber wenn wir alle Dokumente, die wir besitzen bringen, dann...
Also legen wir bei Eliane eine kleine Kopieraktion ein und nachdem wir morgens
unsere Motos für 2211,60 RUB (ca. 63,- €) pro Motorrad bis April versichert
haben, besuchen wir am Nachmittag zusammen mit Toma die entsprechende
Zollstelle.
Sie hat extra für uns ihren Unterricht ausfallen lassen und ihre Klasse muß
alleine Unterricht machen.
Nachdem uns ihre Tochter Anja zu der, versteckt am Rande von Ulan-Ude liegenden
Zollstelle gefahren hat, legen wir dem Zollbeamten unsere gesammelten Kopien
auf den Tisch. Es ist derselbe, mit dem Toma bereits gestern telefoniert hat
und er ist schon bestens informiert. Angesichts unserer "gesammelter Werke"
von Kopien muß sogar er dann ein wenig lachen..
Schlußendlich bekommen wir, am Rande der Legalität, ein entsprechendes
Formular, mit der Versicherung, damit keine Probleme bei der Aus- und
Wiedereinreise zuhaben, vom Zoll ausgestellt
Es ist eigentlich auch kein anderes Papier, als der normale Zollzettel, nur
steht auf diesem noch drauf, daß wie die Motos nicht verkaufen dürfen. Na, als
ob wir das tuen würden!
Haben wir bisher eigentlich immer irgendwie unser Ziel auf eigene Faust
erreichen können - in diesem Fall wären wir ohne die Hilfe und die Beziehungen
von Toma wohl kläglich gescheitert.
Die letzte Hürde zu unserem Winter am Baikal ist nun "nur" noch das
neue Visum, welches wir in Deutschland besorgen werden.
Als wir den Entschluß zu unserem Aufenthalt hier gefasst haben, haben wir nicht
damit gerechnet, welche Schwierigkeiten wir dafür überwinden müssen
Bis zum nächsten Bericht auf diesem Bildschirm, wir fliegen jetzt erst
einmal nach Deutschland!
Alex
und Carsten