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 Ulan-Ude, 10.09. - 30.09.

Weltreiseberichte Feb. - Okt. 2005
Es sind die letzten Wochen in Ulan-Ude, bevor wir am 02.10.05 mit dem Flugzeug nach Moskau und nach einem Tag Aufenthalt weiter nach Frankfurt fliegen.
Es ist gewiss nicht das Ende unserer Reise und wir freuen uns riesig unsere Verwandten und Freunde nach ziemlich genau acht Monaten mal wieder zu sehen.
Was macht man, wenn man nach monatelangem Nomadenleben wieder ortsfest ist?

Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist es schon, aber mit dem Ziel den Winter am Baikal zu verbringen und der Gewissheit, unser so liebgewonnenes Nomadenleben im Frühjahr wieder aufnehmen zu werden, können wir unseren "festen Wohnsitz" sogar genießen.
Auch haben wir nun einmal Zeit und Muße, unsere bisherigen Erlebnisse und gefahrenen Kilometer noch einmal Revue passieren zu lassen. Es ist eine neue Erfahrung und dadurch, daß wir nun nicht mehr täglich unterwegs sind und immer wieder neue Eindrücke verarbeiten müssen, wird uns eigentlich erst jetzt so richtig bewußt, was wir bereits alles erlebt haben. Somit hat so ein Zwischenstop auch sein Gutes. Wir können das Erlebte in Ruhe verarbeiten und haben den Eindruck, daß es uns somit besser in Erinnerung bleiben wird.

Wolfgangs Abschied
Am 12.09. feiern wir Wolfgangs und Clothildes Abschied in einem mongolischen Restaurant und kommen so noch einmal in den Genuss unserer heißgeliebten "Hushuur" und des salzigen Milchtees. Der Rest der Speisekarte ist allerdings wenig mongolisch, aber das kennt man ja von den meisten ausländischen Restaurants auch in Deutschland.
Wie es sich in Russland gehört, werden einige Runden Vodka jeweils mit einem ausführlichen Trinkspruch eingeleitet und der Abend wird lustig. Wir werden Wolfgang in Deutschland wieder besuchen, um die Aktualisierung seiner Webseite zu besprechen.
Wolfgang schildert uns zudem von Transportproblemen und Schwierigkeiten beim Zoll mit, in Deutschland bereit stehenden und hier dringend benötigten, medizinischen Geräten. Da unser mongolischer Freund Ochir in Deutschland Verkehrs- und Transportwesen studiert, fragen wir ihn, ob er eine Idee hat. Und tatsächlich, am 25.09. erreicht uns eine sms, daß er den Transport der Geräte für die DeSiGn übernehmen kann.
Die Tb-Kliniken in Ulan-Ude und Ilinka werden sich freuen - Danke Ochir!

Die restliche Zeit hier in Ulan-Ude verbringen wir eigentlich auch nicht viel anders, als in Deutschland, nur ohne Arbeit ;-)

Auf Elianes Rat hin besorgen wir uns die, hier typische Fußbekleidung für den Winter: "Walinkis" sind Filzstiefel, die auch ohne Gummisohle auskommen und die man immer ein wenig größer kaufen sollte, da sie einlaufen, statt sich "auszulatschen". Sie sehen lustig aus, sind mit rund 300,- RUB recht günstig und wir freuen uns auf deren Einsatz im Schnee!

Kulturabend

Bei einem Konzertbesuch mit Eliane lernen wir am 10.09. das kleine "Art-Theater" und seinen engagierten Gründer Anatoli kennen. Das in einem verwinkelten Kellergewölbe gelegene Theater wurde von ihm vor 25 Jahren gegründet und hat trotz mangelnder Unterstützung seitens der Stadt bis heute durchgehalten.
Die hier auftretenden Schauspieler und Künstler arbeiten mit viel Enthusiasmus und meist ohne nennenswerte Gage, denn die Einnahmen reichen gerade aus, um die laufenden Kosten zu decken. Dies tut der Qualität der Darbietungen jedoch keinen Abbruch und mittlerweile hat sich das kleine Theater in der Kunstszene der Stadt recht gut etabliert.
Die Wände sind von Künstlern bunt bemalt, die kleine Bar ist liebevoll und gemütlich eingerichtet und wir fühlen uns ein wenig in die Freiburger Studentenszene versetzt.
Die Bühne ist ebenfalls klein, wir sitzen auf eng gestellten Stuhlreihen und genießen die Vorstellung von Dascha, Anatolis Tochter.
Die kleine, stimmgewaltige Sängerin lebt und arbeitet seit 4 Jahren in Frankreich und singt selbst komponierte Lieder in Russisch, während sie sich selbst am Flügel begleitet.
Es wird eine gelungene Vorstellung und ein gemütlicher Abend.

Ab Mitte September wird der bislang nur an den bunter werdenden Blättern zu erkennende Herbst dann plötzlich richtig herbstlich und die Temperaturen werden, zumindest nachts, langsam aber sicher so kühl, daß wir unser Zelt eigentlich nicht mehr wirklich vermissen.

Am 16.09. machen wir nochmals einen Ausflug nach Maximicha, "unser" Dorf für den Winter.
Zusammen mit Toma (Elianes Freundin) und Sanka (Elianes Hund) machen wir uns in Elianes UAS "Mascha" auf den Weg durch die herbstliche Landschaft ins knapp 220 km entfernte Dorf am Ostufer des Baikals.
Bald nachdem Ulan-Ude endet, beginnt der Anstieg zum Pass über die Berge, nördlich der Stadt. Die Häuser werden schnell weniger und die bunten Bäume immer mehr. Der Herbst hat in knapp drei Wochen den satt grünen Misch-Wald in ein buntes Farbenmeer verwandelt. Die hellgelben Birken überwiegen zwar immer noch, aber neben den Nadelbäumen tauchen auch immer wieder rot gefärbte Laubbäume auf.

Schon vor der Passhöhe dann die Überraschung - der erste Schnee ist auf den Bergen zu sehen! Und als wir die heiligen Wunschbäume auf der Passhöhe erreichen, schneit es nicht nur, es hat sich auch bereits eine dünne Schneeschicht auf den bunten Wald gelegt. Herrlich, der sibirische Winter kommt!
Wir halten, opfern den obligatorischen Schluck Wodka für unsere Wünsche den Göttern und sind fasziniert von dem Anblick. Alex wirft auch gleich den ersten Schneeball des Jahres :-)
Dann holpern wir weiter durch den immer bunter werdenden Herbstwald.

Nach knapp 110 km halten wir an einem Stand an der neuen Straße und Tamara spendiert eine Runde "piroschka" (Teigtaschen) und Fisch im Teig. Gemütlich sitzen wir in Elianes "Mascha" und machen Mittagspause.
Weiter geht's über "Schmuseteer", der jedoch bald wieder von Schlagloch-Wellblech-Schotterpiste abgelöst wird. Mascha macht einen heiden Krach und rumpelt über die schlechten Straßen.

Die Ausblicke auf die herbstliche Landschaft sind einfach herrlich und wir machen noch zwei, drei Fotostops, ehe wir nach knapp sechs Stunden in "Max?micha" einlaufen und vor Elianes zukünftigem Häuschen anhalten.
Vera, die jetzige Besitzerin, ist gerade unterwegs und wir vertreiben uns die Zeit mit einem Spaziergang am Ufer des herbstlich unruhigen Baikals.
Als wir zurück kommen ist sie dann da und wir setzen uns zu ihr in die Winterküche um bei Tee und Gebäck allles zu besprechen. Der Verkauf ist sicher, Elianes Freundin wird Besitzerin und Eliane mietet das Haus. Morgen wollen sie nach "Ust-Bargusin" zum Notar.
Auch von unserem geplanten Winteraufenthalt ist die Rede und es stellt sich heraus, daß Vera bis zum 02.11. in ihr neues Haus einziehen wird. So können wir dann den Winter in Elianes gemietetem Häuschen verbringen und schon mal mit dem Renovieren beginnen - juchu!!

Die Nacht verbringen wir in einem, jetzt leerstehendem Haus gegenüber, das einem Irkutsker gehört und von dem Vera die Schlüssel hat. Dies wäre auch unser Heim, sollte das mit Elianes Haus aus irgendwelchen Gründen nicht klappen (aber das klappt! hihi ).
Wir richten uns mit Veras Spenden von Holz und eingelegtem, rohen Fisch (Sick) ein leckeres Abendessen.
Am nächsten Tag machen wir uns alle zusammen mit Mascha auf den Weg in das knapp 30 km nördlich gelegene "Ust-Bargusin" und suchen den Notar.
Während Eliane, Toma und Vera den Papierkram erledigen, machen wir mit Sanka einen kleinen Spaziergang durchs Dorf.
Knapp 9000 Menschen leben hier. Leider wird man am Dorfeingang von einer hässlichen und weit verteilten Mülldeponie begrüßt, was dem Dorf bereits einiges an Charm nimmt.
Nachdem alle Formalitäten angeleiert sind, gönnen wir uns an der Anlegestelle der Fähre, die hinüber auf die heilige Nase (Naturschutzgebiet) fährt, eine leckere Portion Posi ( wie Pelm?ni, nur größer und im Dampf gegart ).
Satt holpern wir die Piste zurück nach Maximicha und sammeln unsere sieben Sachen wieder ein. Vera geben wir 4000,- RUB für zwei LKW-Ladungen Holz, die sie schon einmal für uns bestellen wird. Sie ist etwas überrascht über unser Vorhaben und fragt Eliane, wie alt wir denn seien. Sie dachte, wir sind vielleicht noch etwas zu "grün hinter den Ohren". Als sie unser Alter erfährt ist sie erstaunt und aber auch etwas beruhigter - sie hat uns wesentlich jünger eingeschätzt, :D
Wir machen uns wieder auf den Rückweg nach Ulan-Ude und nach ein paar Fotostops - die Landschaft ist einfach zu schön zum Durchsausen- kommen wir am frühen Abend an.

Nachdem wir am 20.09. auch endlich unsere warmen Jacken aus Ulan-Baatar bekommen haben - Freunde einer Bekannten aus der mongol. Hauptstadt haben sie uns mitgebracht -, zwei "North-Face" Mountain-Jacken für je knapp 28,- €, da kann man nix sagen, sind wir nun auch kleidungstechnisch fast perfekt auf die Minusgrade in 'Maximicha' vorbereitet.
Der Winter kann kommen!

Irina, eine Freundin von Eliane und ebenfalls Deutschlehrerin in Ulan-Ude, fragt uns, ob wir am 22.09. Zeit und Lust für einen kurzen Besuch in einer Deutschklasse hätten. Wir sollen den Schülern endlich einmal Gelegenheit geben "echte" Deutsche zu sehen und ein wenig über unsere Reise erzählen. Klar, machen wir doch gerne und der kleine Vortrag bringt uns auf den Geschmack.

Wir versprechen, im Winter mit einer kleinen Bildervorführung wiederzukommen und werden uns in Deutschland eine CD-ROM mit den besten Bildern unserer bisherigen Reise zusammenstellen. Quasi ein Diavortrag "light" ;-)

Warum macht ihr das?
Eine Frage die uns immer wieder gestellt wird: "Warum macht ihr so etwas, ein Winter am Baikal und was macht ihr dort in dem einsamen Dorf nur so lange?"
Wenn das nur so einfach zu beantworten wäre...
Rationale Gründe gibt es wohl nur einen: wir wollen den Baikal mal im Winter erleben und da wir nach unserer Reise sowieso kein Geld mehr haben werden, nutzen wir die Gelegenheit lieber jetzt.

Kein Grund hier zu bleiben wäre:

  • in Maximicha Kinder kriegen (obwohl die langen, kalten Winterabende... aber das ist nix für hier ;-))
  • endlich wieder Holz zu hacken
  • Sehnsucht nach Erfrierungen, Bären und Wölfen
  • uns zum draußen stehenden Toilettenhäuschen bei -30 Grad durch meterhohen Schnee durchzuwühlen und dann an empfindlichen Stellen Erfrierungen zu erleiden.


Wer schon einmal am Baikal war, kann ein wenig "Gefühlsduselei" vielleicht verstehen: der Baikal hat eine gewisse Ausstrahlung und wenn man ihn sieht, fühlt man etwas - ja, wirklich! -, er hat eine Anziehung, der wir uns gerne hingeben.
Eigentlich ist sowieso Eliane schuld ;-) - ihr gemietes Häuschen in Maximicha und ihre Winterbilder haben uns zum Träumen gebracht.
Und diejenigen, denen diese Gründe noch immer nicht reichen, werden uns vielleicht verstehen, wenn wir die ersten Bilder vom zugefrorenen Baikal und der einzigartigen Winterlandschaft in unser Fotoalbum hochgeladen haben.

Besuch aus Bochum
In unserer vorletzten Woche in Ulan-Ude bekommen wir dann, am 22.09. Besuch. Nicola, eine Radfahrerin aus Deutschland hat es geschafft und Ulan-Ude mit ihrem Drahtesel erreicht. Respekt, sie ist die ganze Strecke alleine gefahren!
Es gibt viel zu erzählen und wir verstehen uns gut mit der symphatischen Bochumerin. Wir werden uns bestimmt noch einmal wiedersehen im, bis dahin verschneiten Sibirien, da auch sie am Baikal überwintern möchte.
Als wir eines Mittags in unserer kleinen Küche zusammen beim Kaffee sitzen, bemerken wir auch bei ihr das "Ulan-Ude-Syndrom". ;-) Auch Nicola hat, seitdem sie hier ist, Weihnachtslieder im Ohr. Kein Wunder, die Bahnhofsdurchsagen trällern schließlich ständig die Anfangsmelodie von "We wish you a merry Christmas" über die ganze Stadt.

Der Zoll - die vorerst letzte Hürde

Am 23.09. steht dann unser Besuch beim Zoll an.
Da in unseren Visa notiert ist, daß wir mit eigenen Fahrzeugen unterwegs sind, befürchten wir -nicht unbegründet, wie sich herausstellt- Probleme bei der Ausreise per Flugzeug und, da wir die Motos auch wieder in den neuen Visa stehen haben werden, auch bei der Wiedereinreise im November. Wir benötigen also vom Zoll ein Dokument, damit wir unsere Motorräder hier in Ulan-Ude stehen lassen können.
Toma hat sich bereits gestern in einer zweistündigen Telefonaktion über einen Bekannten beim Zoll informiert: eigentlich geht das nicht, wer mit einem Motorrad einreist, muß auch damit ausreisen. Wir sind die ersten, die dies hier in Burjatien vorhaben und dementsprechend kompliziert ist die Rechtslage.
Aber wenn wir alle Dokumente, die wir besitzen bringen, dann...
Also legen wir bei Eliane eine kleine Kopieraktion ein und nachdem wir morgens unsere Motos für 2211,60 RUB (ca. 63,- €) pro Motorrad bis April versichert haben, besuchen wir am Nachmittag zusammen mit Toma die entsprechende Zollstelle.
Sie hat extra für uns ihren Unterricht ausfallen lassen und ihre Klasse muß alleine Unterricht machen.
Nachdem uns ihre Tochter Anja zu der, versteckt am Rande von Ulan-Ude liegenden Zollstelle gefahren hat, legen wir dem Zollbeamten unsere gesammelten Kopien auf den Tisch. Es ist derselbe, mit dem Toma bereits gestern telefoniert hat und er ist schon bestens informiert. Angesichts unserer "gesammelter Werke" von Kopien muß sogar er dann ein wenig lachen..
Schlußendlich bekommen wir, am Rande der Legalität, ein entsprechendes Formular, mit der Versicherung, damit keine Probleme bei der Aus- und Wiedereinreise zuhaben, vom Zoll ausgestellt
Es ist eigentlich auch kein anderes Papier, als der normale Zollzettel, nur steht auf diesem noch drauf, daß wie die Motos nicht verkaufen dürfen. Na, als ob wir das tuen würden!

Haben wir bisher eigentlich immer irgendwie unser Ziel auf eigene Faust erreichen können - in diesem Fall wären wir ohne die Hilfe und die Beziehungen von Toma wohl kläglich gescheitert.
Die letzte Hürde zu unserem Winter am Baikal ist nun "nur" noch das neue Visum, welches wir in Deutschland besorgen werden.
Als wir den Entschluß zu unserem Aufenthalt hier gefasst haben, haben wir nicht damit gerechnet, welche Schwierigkeiten wir dafür überwinden müssen

Bis zum nächsten Bericht auf diesem Bildschirm, wir fliegen jetzt erst einmal nach Deutschland!

Alex und Carsten




 
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